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Legende
 
 
Zwischen zwei Häusern
gähnt sich der Stufenweg
Berg hinan
 
Wäre ein Hut-Mann gegangen
mit Segeltuch,
Richtung Wald
 
Katze schmiegt sich an Rohr
junge Frau reichte den Korb
mit was drin
 
bellt da der Hund
vom Fachwerktor her
etwa dort
 
ging der Mann hinan
schwenkte den Hut
Chevalier
 

 

 

Legende

Gedicht-Analyse

 

Die Überschrift des Gedichts, das Wort Legende, hat seinen Ursprung im lateinischen Verbum (Zeitwort) legere = lesen. Es ist davon das Gerundivum Plural Neutrum legenda = das zu Lesende. Die Legende ist eine literarische Erzählform und bezog sich seit dem Mittelalter am häufigsten auf bedeutende Persönlichkeiten, besonders Heilige. Das Wort wird auch gebraucht im Sinne von Berühmtheit und allgemeiner Wichtigkeit, etwa in der Form „legendär“.

Andererseits haben wissenschaftliche Zeichnungen, Texte oder Tafeln, oder auch Fotos in den Zeitschriften, eine Legende, d. h. eine kleine schriftliche Anmerkung unter dem Bild, die es erklärt.

Was Letzteres betrifft, so ist in diesem Sinne diese Stellungnahme sozusagen die Legende zum Gedicht „Legende“.

Das Gedicht hat fünf Strophen zu je zwei Zeilen und einem dreisilbigen Wort, dem Refrain. Abgesehen davon ist es unregelmäßig und reimt sich nicht.

Die erste Strophe bezeichnet zunächst eine Lokalität mit einem „Stufenweg“ als Subjekt. Die Angabe zwischen zwei Häusern sagt uns, dass wir uns in einem zivilisierten Bereich befinden. Das Prädikat des Satzes „gähnt sich“ ist ein reflexives Verbum: sich gähnen, der Form nach, entsprechend dem Subjekt, dritte Person Singular (Einzahl), Präsens (Gegenwart) Indikativ (Wirklichkeitsform) aktiv. Vom Geschehen her ein recht langweiliger Sachverhalt. Die Strophe eröffnet Raum und dekorativen Hintergrund für den folgenden Ablauf. Der Schluss „Berg hinan“ bezeichnet, wie bei den nächsten drei Strophen („Richtung Wald“, „mit was drin“, „etwa dort“), jeweils ein dreisilbiges Lokal-Adverb (örtliches Umstandswort).

 

Die zweite Strophe beginnt mit dem Subjekt Hut-Mann (zu ihm gehört auch das Segeltuch, wo immer er es auch hat; das dicke Tuch knisterte wohl förmlich bei seinen Schritten)  und dem Prädikat „wäre gegangen“ im Tempus Plusquamperfekt (Vorvergangenheit), Modus Konjunktiv (Möglichkeitsform), Genus verbi aktiv, Numerus (Zahl) Singular, dritte Person. Es handelt sich also um ein obskures Geschehen mit fragwürdiger Realität (es hat jemand behauptet, er wäre gegangen ..).  Es gibt jetzt keine genaue, nur eine indirekte Angabe über einen Sachverhalt. Es besteht nur ein loser Zusammenhang zur Bühneninszenierung der ersten Strophe. Die Richtung des Mannes ist zum Wald; er verlässt den bürgerlichen, vielleicht urbanen Bereich und geht auf eine vegetative Szenerie zu.

 

Das Prädikat (Satzaussage) eines Satzes ist das Verbum (lat. = Wort). Als grammatikalischer Begriff wird verbum im Deutschen mit „Zeitwort“ wiedergegeben. Tatsächlich: das Zeitwort hat die Aufgabe, die zeitliche Zuordnung (tempus) eines Geschehens, einer Handlung anzugeben. Etwas kann ja jetzt geschehen, oder es ist schon passiert, oder es wird noch passieren. Außerdem gibt das Verbum den modus einer Handlung an: Ist es wirklich geschehen (Indikativ) oder ist es nur eine Möglichkeit (Konjunktiv), eine Fiktion, eine Behauptung ...  Und schließlich kann dabei jemand was tun (aktiv) oder etwas erleiden (passiv), das ist das genus verbi. Daneben verrät das Verb die Person (1 bis 3) und die Zahl, das ist der numerus (Einzahl = Singular, Mehrzahl = Plural).

 

Als erstes Subjekt der zweisätzigen dritten Strophe erscheint eine Katze, die sich schmiegt – ein reflexives Verb im Präsens Indikativ aktiv, dritte Person Singular –, also wieder wie in der ersten Strophe ein realer Sachverhalt; im Gegensatz zur zweiten Strophe eher eine Erweiterung der Kulisse, ein unbedeutender Nebentatbestand, ein accessoire négligeable, nur ein vernachlässigbares Detail, das ein wenig Atmosphäre schaffen kann.

 

Bis jetzt waren die Substantiva des Gedichts teils mit bestimmtem, teils mit unbestimmtem Artikel versehen; bei Vorstellung eines noch unbekannten Kontextes wäre episch gesehen an sich der unbestimmte Artikel adaequat (ein Stufenweg). Der Kürze halber ist der Artikel auch weggelassen (Berg hinan, nicht „einen Berg hinan“; mit Segeltuch, nicht „mit einem Segeltuch“). Jetzt in der dritten Strophe heißt es zweimal ohne Artikel Katze und an Rohr. Es handelt sich nicht um die Speisekarte eines haute cuisine Restaurants (Trüffel-Elchkeule an Waldpilzpudding), sondern um die schlagwortartige Verdichtung des schmalen Geschehens.

Als nächstes Subjekt ist eine junge Frau tätig mit einem doppeldeutigen Prädikat; denn „reichte“ ist der Form nach zwar zunächst dritte Person Singular, dann aber doppeldeutig: entweder Imperfekt Indikativ aktiv, entsprechend einer realen Handlung in der Mitvergangenheit, oder Präsens Konjunktiv aktiv, ein in Frage gestellter Ablauf der Gegenwart. Die deutsche Sprache lässt da keine Eindeutigkeit zu. Vielleicht reichte sie wirklich etwas, aber der vorausgegangene eindeutige Konjunktiv der zweiten Strophe lässt auch hier eher eine Möglichkeitsform passend erscheinen,  .. jemand behauptet, sie reichte den Korb, oder auch, wie man im Deutschen den Konjunktiv Präsens mit dem Hilfszeitwort „werden“ umschreiben kann, sie würde den Korb reichen (.. hat jemand gesagt). Also wieder eine unsichere Handlung, fiktiv, imaginär?

Die junge Frau erhält übrigens auch keinen Artikel, weder bestimmt noch unbestimmt, ebenso wie Katze und Rohr. Die Ausnahme von diesem Telegramm-Stil bildet der Korb, der wegen seiner Offensichtlichkeit als Tribut einer jungen Frau den bestimmten Artikel erhält (den  Korb, den eine Frau eben gerne bei sich hat; der Korb ist dem Wesen einer jungen Frau wesensimmanent).

Übrigens: „mit was drin“: ein Korb oder eine junge Frau mit was drin ist immer etwas Feines. 

 

Das erste Wort der vierten Strophe ist das Temporal-Adverb da, also ein zeitliches Umstandswort, das den Ablauf aktualisiert, etwas dramatisiert; also jetzt eben passierts ...., damit sich das Geschehen nicht so hinan gähnt wie in der ersten Strophe. Und tatsächlich, das Zeitwort bellt steht im realen Präsens Indikativ aktiv, dritte Person Singular. Diesmal ist ein Hund das Subjekt. Hunde bellen nun mal, das haben sie so an sich, ein unleugbares Verhaltens-Attribut; und der Vorgang lässt wieder an eine neckische, dekorative Ablenkung denken; die Banalität wird herbeigewünscht, urgesteinsicher, fest verankert als Bestandteil unserer Gesellschaft und ihrer Konversation, die schon mal das Bellen eines Hundes zum Gegenstand macht. Zu bemerken ist aber, dass es sich hier im Gegensatz zur oben schmiegenden Katze um ein rein akustisches Kulissen-Beiwerk handelt, denn registriert ist nur das Bellen, der Hund selbst nicht; er befindet sich offensichtlich nicht unmittelbar innerhalb des Handlungsgeländes.

Eine kleine lokale Hinweisung auf die Herkunft des Bellens ist das lokale Adverb „vom Fachwerktor her“, womit ein bestimmtes architektonisches, vielleicht historisches Lokalkolorit anklingen soll.

Dann aber wieder Unsicherheit, Unbestimmtheit im dreisilbigen Refrain: etwa dort.

 

Ein eindeutiger Indikativ des ersten Prädikats ist überraschend der Beginn der zweisätzigen fünften Strophe, und das Verb steht jetzt im Imperfekt (Mitvergangenheit, die übliche Erzählform) aktiv, denn das Subjekt, offensichtlich der gleiche Mann wie in der ersten Strophe, jener mit dem Hut, ist nun in die Realität gerutscht, denn die Form „ging“ kann kein Konjunktiv sein. Nun sei es so: Tatsächlich, da ist er hinaufgegangen zum Wald, so etwas wie outdoor. Aber noch ein kleiner Anklang an den fiktiven Teil der Vorgeschichte: Er „schwenkte“ den Hut, das zweite Prädikat dieser Strophe, und dieses Verbum kann nun wieder der Form nach entweder Imperfekt Indikativ aktiv dritte Person sein, aber auch Präsens Konjunktiv aktiv, also wieder ein Hauch von Möglichkeit, Imagination und  -  Legende.

Immerhin lässt der vorausgegangene eindeutige Indikativ des „ging“ doch eher auch hier an eine Wirklichkeitsform denken.

Hinterlässt er wohl, der Mann mit dem Hut, ein paar Fragen zur Wirklichkeit in dieser kleinen örtlichen Darstellung? Gab es nicht schon in der zweiten Strophe den Hinweis auf seinen Hut? Und das letzte Wort Chevalier ist zunächst ein Farbtupfer, eine Akzentuierung, eigentlich eine nicht unbedingt nötige, aber im Zusammenhang mit dem zu einem Chevalier passenden Attribut des Hutes sinnvolle Erweiterung der Beschreibung (wessen? des Hut-Mannes? oder doch des Autors? des Lesers?), darüber hinaus ein fait accompli, einfach eine Tatsache innerhalb des Textes. Das ist seine Hinterlassenschaft vor Erreichen der waldigen windigen Vegetativ-Szenerie außerhalb des bebauten Ortes.

Da hat das Wort eine Bedeutung in Bezug auf den Titel des Gedichts: egal, wer er ist, jener Hut-Schwenker mit knisterndem Segeltuch - er könnte den Vorgang, das Gedicht, allein aufgrund dieses „Titels“ Chevalier zu einer Legende machen.